Nationalpark Val Grande

Eines unserer Ziele in Italien sollte der Nationalpark Val Grande sein. Dieser Nationalpark liegt wenige Kilometer westlich des Lago Maggiore und ist etwa 146 km² groß.
Diese Gegend wurde in den vergangenen Jahrhunderten intensiv für die Alp- und Forstwirtschaft genutzt. Trotz vieler Arbeit lebten dort die Ärmsten unter den Armen. Die Abgeschiedenheit der einzelnen Ortschaften, nur zu Fuß passierbare Verbindungswege, zum Teil in Fels gehauen, um auch die für den Transport notwenigen Maultiere dort entlang zu treiben, war ein Grund, warum wir dorthin wollten.
Besonders intensiver Holzbau wurde in den Jahren 1915 bis 1930 um Pogallo und Orfalecchio betrieben.

1944 fanden in diesem Gebiet heftige Partisanenkämpfe statt. Die deutsche SS durchkämmte mit faschistischen italienischen Truppen das Gebiet, um dort befindliche Einheiten aufzuspüren. Dabei kamen mehr als 500 Aufständische ums Leben. Das war ein Hauptgrund, warum dieses Gebiet entvölkert und von immer weniger Menschen besiedelt wurde.

1967 wurde das Gebiet zum Totalreservat erklärt. Die letzte Alm wurde 1969 aufgegeben. In den ersten Jahren nach 1967 wurden viele Wege nicht mehr unterhalten und sind deshalb heute kaum noch auffindbar. Aktuelles Kartenmaterial ist so gut wie nicht zu finden, selbst aktuelle Karten weisen nur die wenigen, heute wieder nutzbaren Wege, aus.

1992 wurde das Gebiet um den Val Grande von der italienischen Regierung zum Nationalpark erklärt. Seitdem werden einige Wege erhalten und einige Häuser in ihrem Zustand bewahrt.
Alles andere verfällt und wird von der Natur zurückgeholt.

Und wir wollten dorthin!

Nationalpark Val Grande

Das gesamte Gebiet des Nationalparkes.
Rot umrandet sind der Ausgangspunkt unserer Wanderung, Cicogna, und des Ziel, Pogallo.
Dann war noch der Rückweg.

Nationalpark Val Grande

Der gelbe Pfeil zeigt auf den Weg, den wir nach Pogallo wählten, der grüne Pfeil markiert unseren Rückweg.

Dazu mußten wir aber erst mal mit dem Auto nach Cicogna kommen! Von der blauen Markierung aus (Bignugno) führt eine schmale Straße dorthin. Daß diese auf einer Länge von etwa 8 km eng sein würde, haben wir gewußt. WIE eng, nicht. Man bekommt auf diesen acht Kilometern ein besonderes Verhältnis zum Herrn, da vor jeder der reichlichen Kurven ein schnelles Stoßgebet abgesetzt wird, ja keinen Gegenverkehr zuzulassen. Die Straße ist nur unwesentlich breiter als ein PKW, Ausweichstellen sind vorhanden, man weiß nur nicht wo und selbst dort kommt man nur mit eingeklappten Außenspiegeln aneinander vorbei. Eine Seite der Straße ist durch Fels begrenzt, die andere eine Schlucht, zwar gesichert durch Leitplanken, die aber trotzdem ein eigenartigen Gefühl im Bauch erhalten. Offiziell zugelassen ist diese Straße für Fahrzeuge bis 3 Tonnen und 30 km/h, es sagt einem nur keiner, wo man die fahren kann! Parkverbot besteht auch, mit der Androhung, parkende Autos abzuschleppen. Wie das funktionieren soll, ist mir unbekannt, da man auf großen Teilen der Strecke zwar anhalten aber nicht aussteigen kann, weil die Türen nicht so weit aufgehen! (Beachtet dazu auch die beiden Videos am Ende dieses Beitrages!)

Daß Cicogna am Berg liegt kann man wohl sehen. Angegeben ist es mit 732 Höhenmetern. Cigogna wird heute noch von wenigen Einwohnern bewohnt und gilt als der einzigste noch bewohnte Ort im Nationalpark. Mittlerweile sind einige der alten Häuser in ihrem ursprünglichen Zustand wieder hergestellt, aber unbewohnt.

Die Hütten wurden nur aus Steinen aufgeschichtet, selbst die Dächer sind nur aus übereinandergelegten Steinen. Kein Mörtel o.ä. dazwischen, kein Putz an den Wänden, weder innen noch außen. Fenster und Türen wurden in die gelassenen Lücken eingepaßt. Die Häuser sind bzw. waren aber so akkurat gebaut, daß sich manch ein Handwerker heute noch eine Scheibe abschneiden könnte. In Pogallo konnten wir uns aus nächster Nähe davon überzeugen.

Nachdem wir den höchsten Punkt mit etwas über 1.300 m erreicht hatten, ging es nach einer kurzen erholsamen Wegstrecke kilometerlang auf teilweise sehr steilen Treppen wieder bergab, Cicogna entgegen.

Dann hatten wir es geschafft!

Nach etwas mehr als acht Stunden Wanderung, mit einer kurzen Pause in Pogallo, waren wir wieder an unserem Ausgangspunkt angelangt.
Wenn wir gewußt hätten, wie beschwerlich dieser Weg ist, hätten wir uns vielleicht anders entschieden.
Nun hatten wir es aber geschafft, waren müde und fast am Ende unserer Kräfte und haben trotz des beschwerlichen Weges nicht eine Minute oder einen Schritt bereut.

Diese Eindrücke, die Einsicht, in welcher Einfachheit, Einsamkeit und Armut Menschen ihr Dasein fristeten und trotzdem glücklich und zufrieden lebten, kann uns jetzt keiner wieder nehmen.
Auf dem gesamten Weg, von dem wir die Gesamtlänge nicht kennen und auf vielleicht 12 km schätzen würden, haben wir während der acht Stunden, die wir unterweg waren 4 Personen getroffen, die auch in Pogallo waren, aber den einfacheren Weg wieder zurück nahmen, den wir als Hinweg gewählt hatten.

Geschafft aber glücklich waren wir 23.00 Uhr wieder auf unserem Campingplatz.

In der Galerie seht ihr ein paar unserer Eindrücke.
Laßt euch ebenso wie wir von dieser einmaligen Natur begeistern.

Beachtet aber auch bitte noch die Worte am Ende dieser Seite!

 

 

Jetzt noch ein paar Worte in eigenerSache:

Auch wenn wir diesen Weg gegangen sind, empfehlen wir nur den etwas Mutigeren, es uns nachzutun.

Man ist in diesem Gebiet völlig auf sich allein gestellt. Touristen, Wanderer, sind Mangelware und werden es aufgrund des Charakters des Gebietes wohl auch bleiben. Starker Tourismus ist eher nicht erwünscht. Es gibt nur wenige Routen die ohne ortskundigen Führer gegangen werden können. Ebenso sind Tagestouren kaum zu machen. Meist gehen die Touren über mehrere Tage durch unwegsames, in keiner Karte mehr verzeichnetes Gebiet. Ortschaften gibt es außer Cicogna im Süden des Nationalparkes keine mehr. Man trifft also auch keine Einheimischen. Es gibt keine Möglichkeiten, mit dem Auto durch dieses Gebiet zu fahren. Mobiltelefone funktionieren nirgendwo.

Wanderwege sind nur spärlich vorhanden und die Markierungen sind eher gering. Von diesen Wegen abzukommen ist gefährlich, da der Charakter des gesamten Gebietes alpin ist. Es geht auf Höhen von über 2.000 m hinauf!

Wer es trotzdem wagen will, sollte sich vorher gut informieren und vorbereiten.

Kinder würde ich generell nicht mitnehmen.

Auf unserer Tour haben wir feststellen müssen, daß es keine Abkürzungen gibt. Es gab nur die Alternativen, den gleichen Weg zurück oder den gewählten zu Ende zu gehen.

Solltet ihr euch trotzdem für einer solche Tour entscheiden, dann ist die von uns gegangene empfehlenswert. Sie wird von erfahrenen Führern als die Einfachste eingestuft, die mit etwas Kondition auch allein an einem Tag geschafft werden kann.

Wenn euch danach ist, könnt ihr am Ende dieser Seite eure Kommentare dazu schreiben.

 

Hier will ich noch ein Video einfügen, welches die einmaligen Schönheiten der unberührten Natur deutlich macht.

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Ein Kommentar zu Nationalpark Val Grande

  1. Maremio sagt:

    Ein hochinteressanter Bericht, der mich dazu angeregt hat, mich noch mehr mit diesem Eckchen Italiens zu befassen.

    Der Film ist sehr schön, aber deine Fotos sind noch viel eindrucksvoller, weil direkter.

    Ich werde mich weiter durch deine Seite wühlen!!!!

    Herzlichst

    Maremio

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